31. Dezember 2018

Bücher 2018

Eigentlich wollte ich eine Auswahl der fünf besten Bücher präsentieren, aber die Liste wurde immer länger, und warum sollte ich mich beschränken? Hier also meine besten Büchern dieses Jahres in einem ausschweifenden, hemmungslosen Rückblick!

1. Richard Russo: Empire Falls. Eine kleine, von der Industrie verlassene Stadt in Maine und ihre nicht immer sympathischen, aber liebevoll beschriebenen Figuren, allen voran der antriebslose Miles Groby, sein alter Vater und Mrs. Whiting, die sich nimmt, was ihr noch bleibt.

2. Edgar Rai: Etwas bleibt immer. In Nicolas tummeln sich mehrere Persönlichkeiten. Als er, der zurückgezogen lebt, an der schönen Côte d’Azur ein Haus hüten soll, kommt er … also, kommen sie … in Schwierigkeiten. Spannend und originell.

3. Carol Rifka Brunt: Tell the Wolves I’m Home. New York in den 1980ern. Junes geliebter Onkel Finn ist ein berühmter Maler und stirbt an Aids. June kann mit ihrer Trauer nicht umgehen, bis sie Toby trifft – Finns Lebensgefährten, den ihre Eltern bislang totgeschwiegen haben. Coming of Age für jedes Alter.

4. Jesmyn Ward: Sing, Unburied, Sing. Mein dritter Roman von Jesmyn Ward nach Salvage the Bones und Men We Reaped. Eine herzzerreißende Südstaaten-Familiengeschichte, die teilweise von einem toten Jungen erzählt wird. Klingt esoterisch, ist aber einfach nur beeindruckend und tieftraurig.

5. Florian F. Scherzer: Neubayern. Ein großer Sprung von Mississippi nach Süddeutschland. Oder sind wir vielleicht ganz wo anders? Superschräg, atmosphärisch, außergewöhnlich. Habe ich gleich zweimal zu Weihnachten verschenkt.

6. Madeline Miller: The Song of Achilles. Kein Buch, sondern tatsächlich eine Art Gesang. Eindringlich. An heißen Sommerabenden gelesen, was irgendwie hervorragend passte. Jetzt habe ich Angst vor Circe, das noch auf meinem Wunschzettel steht. Wird es auch so schön sein?

7. Isabella Nadolny: Ein Baum wächst übers Dach. Eine Empfehlung einer Kollegin. Erinnerungen der Autorin an ihre Kindheit in München und in einem Häuschen am Chiemsee, in dem die Familie die Kriegsjahre übersteht. Kein Spannungsbogen, ein bisschen Kitsch, aber ein feines Büchlein.

8. Jacqueline Woodson: Another Brooklyn. Erinnerungsfragmente, die sich zu einer Geschichte verweben. Vier Freundinnen im Brooklyn der Siebzigerjahre, als sich dort viel verändert und diese hoffnungsvollen Mädchen, die sich alles anvertrauen, lernen müssen, erwachsen zu werden.

9. Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen. Seltsamer Titel für einen dichten Roman in ausdrucksstarker Sprache über die siebzehnjährige Marie, den Jungen, mit dem sie zusammen ist, und den viel zu alten Mister-Rochester-ähnlichen Nachbarn. (Auch wenn Marie die Brüder Karamasow vorzieht und mit Jane Eyre vermutlich nichts anfangen könnte.) Auch in diesem Jahr gelesen und ebenfalls empfehlenswert von Daniela Krien: Muldental.

10. Andrea Levy: The Long Song. Jamaica, Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Sklaverei ist abgeschafft, aber die alte Miss July hat ihrem damals ausgesetzten Sohn noch viel von ihrem schweren, mitnichten „freien“ Leben zu erzählen und tut das mit einer überzeugenden, selbstbewussten Stimme, die trotz all der Unmenschlichkeit nicht verstummt ist.

11. Herbjørg Wassmo: Tora. Ich glaube, wenn ich mich für ein „Buch des Jahres“ entscheiden müsste, wäre das Tora. Es tut so weh, diese drei Bände zu lesen, und ich glaube, wenn ich nicht den Sammelband, sondern nur den ersten Teil gehabt hätte, wäre ich des Lebens nicht mehr froh geworden. Danach wird es aber immer noch nicht leichter für Tora, das „Deutschenkind“ im Nachkriegsnorwegen, die von ihrem Stiefvater misshandelt und von ihrer Mutter nicht geliebt wird, sodass sie mit unglaublicher Kraft versucht, von der kleinen Insel zu fliehen. Beeindruckende Literatur. (Immer noch ein Kloß im Hals.)

12. Daniel Kehlmann: Tyll. Die wohl neueste Version der Till-Eulenspiegel-Geschichte. Beeindruckt hat mich vor allem die zerstörte Welt des dreißigjährigen Krieges, in dem die Natur postapokalyptisch kaputt und leer wirkt und die Menschen hungern und leiden. Die Figur des Tyll springt und huscht herum, kein fröhlicher Narr, sondern auch er gezeichnet von seiner Zeit.

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Zwölf Highlights sind es nun geworden – für jeden Monat eins.

Dieses Jahr waren viele Frauen dabei und einige afrikanische Autor*innen (Gaël Faye, NoViolet Bulawayo, Chimamanda Ngozi Adichie), auf die ich nächstes Jahr gern noch etwas genauer schauen möchte. Generell sollte ich mehr auf Diversität achten.

Zwei Klassiker will ich noch erwähnen: Lolita von Vladimir Nabokov und Dracula von Bram Stoker. Mit Freude zwei Bildungslücken geschlossen. Außerdem habe ich mehr Sachbücher als sonst gelesen (Elizabeth Gilbert, Malcolm Gladwell, Mithu M. Sanyal, Margarete Stokowski), allerdings habe ich auch mehr Bücher als je zuvor abgebrochen, was zugegebenermaßen leichter fällt, wenn sie nur ausgeliehen statt gekauft sind. Das ist auch ein Vorhaben fürs nächste Jahr: mehr tauschen und weitergeben. Dabei helfen Mama, der Neuhauser Bücherschrank und lesebegeisterte Nachbarinnen. Auf ein spannendes neues Literaturjahr!