12. Juni 2018

Wurzellos

– Kristín Eiríksdóttir: Elín, ýmislegt –

„Elín, Verschiedenes“, „Elín, Bücher“ und „Elín, Papiere“ steht auf den drei Pappkartons, die beim Verkauf des eigentlich schon längst ausgeräumten Hauses von Elíns toter Großmutter auftauchen. Elín selbst findet in ihrer Wohnung eine Pflanze der Gattung Tillandsie, die keine Wurzeln haben, keine Erde brauchen, um zu leben.

Und das sind zwei perfekte Symbole für diesen Roman. Um die eigentliche Handlung herum ranken sich Erinnerungen und Erinnerungsfetzen, scheinbar abgelöst von allem, um das es gehen könnte. Aber irgendwie gehört es doch zusammen, das „Verschiedene“ aus Elíns Leben.

Die Protagonistin Elín Jónsdóttir ist Jahrgang 1946, hat keine Familie mehr, keine Freunde. Sie arbeitet als Kulissenbauerin für Film, Fernsehen und Theater: Sie gipst Menschen ein, um sie aus Silikon nachzubauen, oder feilt sorgfältig ein nachgebildetes Horn eines Nashorns zurecht. Als sie gebeten wird, bei der ersten Lesung eines neuen Theaterstücks dabei zu sein, lernt sie Ellen Álfsdóttir kennen, mit ihren neunzehn Jahren angeblich das neue Genie am Drehbuchhimmel. Elín ist von dem Stück jedoch nicht besonders begeistert und glaubt, dass das Nationaltheater Ellen nur deshalb will, weil sie die Tochter des vor vielen Jahren verstorbenen, bekannten Theatermanns Álfur Finnson ist.

Frau oder Geliebte

Trotzdem fasziniert Elín die junge Frau, die verwahrlost aussieht und sich unter anderen Menschen ganz offenbar nicht wohlfühlt. Ellen wiederum will mit der komischen Alten, die ihr im Auto nachstellt, nichts zu tun haben. Nach und nach wird klar, dass Elín nicht nur neugierig ist, sondern vielleicht mütterliche Gefühle für Ellen hegt – und dass sie den Vater des Mädchens gekannt hat: Bei der gemeinsamen Arbeit am Theater damals sprachen Elín und Álfur nur wenig miteinander, doch eines Abends fand Elín Álfur leblos auf der Straße – genau zwischen der Wohnung seiner Familie und der seiner Geliebten. Ellen ist die damals zweijährige Tochter dieser Geliebten, Lilja, einer sensiblen Künstlerin, die mit Depressionen und Geisteskrankheiten kämpft. Während Lilja versuchte, in den Stunden nach Álfurs Tod mit der Nachricht zurechtzukommen, passte Elín liebevoll auf die zweijährige Ellen auf.

Verschwimmende Perspektiven

Ellen war dann schon sehr früh allein dafür verantwortlich, sich um ihre immer kränker werdende Mutter zu kümmern. Sie war immer Außenseiterin, und als sie ein einziges Mal eine Freundin hatte, musste diese bald wegziehen. Diese Kindheitserfahrungen werden aus Ellens Sicht erzählt. Die anfängliche Ich-Erzählerin schweigt, und es wird ins personale Erzählen gewechselt. Im Laufe des Romans verschwimmen diese starren Grenzen, und die Ich-Erzählerin mischt sich ins personale Erzählen ein, sodass die Leserin nach einer Weile nicht mehr weiß, ob es Ellens Perspektive überhaupt gibt oder ob Elín sich die Hintergrundgeschichte zu der jungen Frau, die sie kaum kennt, vielleicht nur ausdenkt.

Einsam und verlassen

Elíns erneute Begegnung mit Ellen gehört jedoch schon bald wieder der Vergangenheit an. Beide kommen nicht mehr zu den Proben. Ellen will ihr Stück am liebsten zurückziehen, aber der Regisseur droht mit Klage und Rufmord. Sie zieht sich aus der Arbeit zurück und kümmert sich weiter aufopferungsvoll um ihre Mutter … Bis diese eines Tages verschwunden ist. Sie hat Haus und Auto verkauft und folgt ihrem Traum, endlich einmal ins Ausland zu reisen. Ellen nimmt Opium, sucht sich das Essen aus dem Müll und ist einsam.

Mit Elín meint die Zeit es auch nicht gut. Sie, die stets Angst davor hatte, orientierungslos wie ihre geliebte, demente Oma zu enden, verliert mehr und mehr die Kontrolle über den Alltag. Die letzten Gedanken sind wirr, sie erkennt ihre Nachbarin nicht mehr, sie findet eine wurzellose Pflanze in ihrer Wohnung, die sie noch nie gesehen hat – obwohl es die Tillandsie vom Anfang ist – und driftet schließlich ganz in ihre eigene Welt ab.

Das Glaspferd

Doch bevor ihr die Erinnerungen abhandenkommen, erzählt Elín aus ihrer Vergangenheit, denn, so schreibt sie am Anfang, wenn sie es nicht tut, wird es niemand tun. Sie berichtet zum Beispiel von ihren Reisen. Eine führte sie nach Thailand, wo sie das einzige Mal in ihrem Leben einen Mann kennenlernte, dem sie vertraute. Mike war zwar immer irgendwie distanziert, doch er war trotzdem der einzige, dem sie jemals die Geschichte von dem Glaspferd erzählt hat, das sie auf der Jetzt-Ebene in einem der drei Kartons wiederfindet: Als Jugendliche wurde sie, als sie zum ersten und letzten Mal in ihrem Leben betrunken war, auf einer Feier bei einer Freundin vermutlich (sie kann sich nicht erinnern) von mehreren Jungen vergewaltigt. Tage später kippte sie um, und der Arzt im Krankenhaus fand in ihrer Vagina ein kleines Glaspferd aus der Nippessammlung der Mutter der Freundin.

Die Elín auf der Jetzt-Ebene überlegt lange, wie dieses Pferd so viel später wieder auftauchen kann, und weiß nicht, wie sie es loswerden soll. Bevor mit Mike übrigens mehr passieren konnte, wurde er in Thailand bei einem Aufstand erschossen. In der Zeitung stand danach, dass er mehrere Frauen umgebracht und enthauptet habe. (Na, ob das sein musste … Die arme Elín hätte doch einfach um ihn trauern können, statt auch noch so etwas erfahren zu müssen. Es kommt übrigens nicht überraschend, die Autorin streut eine kurze, aber effektive Gruselfährte.)

Auch noch zu erwähnen ist ein rätselhafter Mann mit Pulli und Handschuhen, nach dem die Polizei sucht. Eines Tages steht er von Elíns Tür und will die drei Kartons haben, die ihm gehören, wie er sagt. Sie gibt sie ihm, ohne zu protestieren, da sie ohnehin nicht weiß, was sie damit soll. Später sitzt er in ihrem dunklen Wohnzimmer und hat ihr die Kartons zurückgebracht. Erst Seiten danach erfährt die Leserin, dass Álfur Finnsson bei seinem Tod Pulli und Handschuhe trug.

Ein Karton voller Kram

All das purzelt scheinbar durcheinander wie ein Karton voller Kram. All das wird verschachtelt mit kurzen Rückblenden in kurzen Rückblenden, verliert aber niemals den roten Faden. (In Ellens Theaterstück wird, bestimmt nicht zufällig, das Rhizom von Deleuze erwähnt.) Die Sprache ist extrem poetisch, aber sehr klar. Hier und da werden Zitate oder ganze Gedichte eingeflochten. Die Geschichte wird mit Symbolen angereichert sowie mit wie nebenbei erwähnten Fakten zu wurzellosen Blumen und über Wurzeln kommunizierende Bäume, zu einem angeschwemmten Wal am Strand, zu lebendigen Steinen in Rumänien und zu einer aus Rache in eine Schlange verwandelte Frau.

Die Ähnlichkeit der Namen Elín und Ellen deuten auf ein Verschmelzen der Figuren hin. Sieht Elín in Ellen eine junge Version ihrer selbst, genauso einsam, genauso orientierungslos, genauso ohne Vater und mit einer schwierigen Mutter/Großmutter? Einmal spricht sie von einem „Vorher-Nachher-Bild“ über sich und Ellen. Oder ist Ellen die Tochter, die sie nie hatte, weil sie offensichtlich nie einem Menschen getraut hat? Sie spricht es selbst nicht deutlich aus, hält oft bis zum allerletzten Moment Informationen zurück, vor sich selbst und vor der Leserin, und ist somit eine wirklich unzuverlässige Erzählerin.

Elín, ýmislegt ist kein lustiges Buch für zwischendurch. Es ist eine kurze, aber im Laufe des Romans immer intensiver werdende Begegnung mit zwei Frauen, die man trotz ihres Wunsches, Distanz wahren zu wollen, schnell ins Herz schließt und auch nach Ende des Buchs noch eine ganze Weile dort behält.

Autorin: Kristín Eiríksdóttir wurde 1981 in Reykjavík geboren und machte 2005 ihren Bachelor-Abschluss für Bildende Künste an der Kunsthochschule Island. 2004, 2006 und 2008 veröffentlichte sie drei Gedichtbände und 2012 ihren ersten Roman, Hvítfeld. Sie schreibt Theaterstücke, die im Nationaltheater aufgeführt werden, und übersetzt aus dem Dänischen. 2014 erhielt sie den isländischen Buchhändlerpreis und 2018 den Frauenliteraturpreis für Elín, ýmislegt.

Verlag: JPV Útgáfa

Veröffentlichungsjahr: 2017

Umfang: 182 Seiten

Bildquelle: forlagid.is