31. Mai 2021

Der historische Hintergrund zu meiner „Architektin von New York“

New York Brooklyn Bridge

Dass Emily Warren Roebling in den Bau der Brooklyn Bridge involviert wurde, ist einer Folge nicht immer glücklicher Umständen geschuldet. Glücklich zuerst die Hochzeit mit dem Sohn des Ingenieurs und Architekten, der die Brücke entwirft. Weniger glücklich dann, dass dieser Schwiegervater verunglückt und auch Emilys Ehemann so krank wird, dass er das Werk seines Vaters nicht fortführen kann. Emily wird zu seinen „Augen und Ohren“.

New York 1997 Brooklyn Bridge

New York und das Goldene Zeitalter

Emily Warren wird 1865 in Cold Spring, NY, in eine kinderreiche Familie geboren. Die Warrens sind nicht reich, aber gut angesehen in dem kleinen Ort am Hudson. Mit etwa zwanzig Jahren lernt Emily den Ingenieur Washington Roebling kennen, einen Freund und Aide-de-camp ihres Bruders. Washington beschreibt sie als quicklebendig, und keine Fotografie könne ihr anmutiges Wesen einfangen. Noch während des Bürgerkriegs heiraten die beiden und ziehen nach Cincinnati, wo er eine Brückenbaustelle leitet. Washington ist auch mit Anfang dreißig noch immer stark von seinem Vater geprägt: John A. Roebling wird von manchen als Genie bezeichnet, und seine Brücken gelten als Meisterwerke.

Privat hingegen ist er jähzornig und hängt spirituellen und homöopathischen Theorien an. Emily und Washington fahren auf sein Geheiß nach Europa, um sich dort über die neuesten technischen Entwicklungen zu informieren, doch erst nach dem frühen Tod des Vaters erhält Washington die Gelegenheit, sich selbst zu beweisen: 1869 übernimmt er die Leitung für die sogenannte Great Bridge, die wir heute als die ikonische Brooklyn Bridge kennen. In New York herrscht nach dem Sezessionskrieg das „Goldene Zeitalter“: Man kann schnell viel Geld verdienen, die Korruption erreicht ganz neue Höhen (oder Tiefen), und wenige Politiker und Geschäftsmänner schachern sich untereinander die lukrativsten Aufträge zu. Gleichzeitig explodiert die Armut, unter der vor allem die vielen Immigrant*innen aus Europa zu leiden haben.

Mit großem Takt und diplomatischem Verhandlungsgeschick

Emily interessiert sich von Anfang an für alle Aspekte von Washingtons Arbeit – ob für die Senkkästen (Caissons), die als Fundament der Pfeiler dienen, oder für die verschiedenen Materialien, aus denen Fahrbahn, Seile und Pfeiler bestehen. Und so kommt die Arbeit auch nicht zum Erliegen, als Washington aufgrund der langen Stunden in den unter Druck stehenden Senkkästen immer kränker wird und es zeitweise kaum aus dem Bett schafft. Einige Arbeiter sterben sogar an den Folgen, denn damals versteht noch niemand das, was heute als „Taucherkrankheit“ bekannt ist. Emily gelingt es mit großem Takt und diplomatischem Verhandlungsgeschick – so beschreibt ihr Mann es einmal –, Washingtons Anweisungen an seine Assistenzingenieure weiterzugeben und dem Brückenkonsortium Frage und Antwort zu stehen, warum sie ihren Chefingenieur nicht besser durch einen gesünderen Mann ersetzen sollen.

Denn es weiß wohl sonst niemand so viel über die Besonderheiten dieser ganz neuen Art Hänge- und Schrägseilkonstruktion aus Stahl. Die Brückeningenieure dieser Zeit stehen unter großem Druck, denn Einstürze sind keine Seltenheit. Und natürlich haben auch hier die Politiker ihre Finger im Spiel. Emily versucht stets, sich aus dem finanziellen Geschacher herauszuhalten, doch leicht ist das nicht. All das übernimmt sie neben der Pflege ihres immer wieder sehr kranken Mannes und eines jungen Sohns, der selbstverständlich auch Aufmerksamkeit braucht. Gegenspieler wollen nicht nur Washington loswerden, sondern auch Emily selbst, die doch keine Befähigung, kein Fachwissen habe, um diese Arbeiten anzuleiten. Vor allem nicht als Frau.

New York 1997 Brooklyn Bridge

Huldigungen nach dem Bauabschluss

Wie viel Eigenverantwortung Emily im Ganzen getragen, was sie selbst gelernt und gewusst hat und wo sie wirklich nur Washingtons Wissen weitergegeben hat, werden wir wohl nicht mehr erfahren. Dennoch muss sie eine solch tragende oder vermittelnde Rolle gespielt haben, dass sie bei einem feierlichen Akt des Rensselaer Institute (heute RPI) und auch bei der offiziellen Eröffnungsfeier der Brooklyn Bridge am 24. Mai 1883 von den männlichen Oratoren ausführlich gehuldigt wird. Nach Abschluss des Bauwerks, das deutlich dazu beiträgt, dass aus den getrennten Städten Brooklyn und Manhattan kurz darauf ein vereintes New York wird, zieht Emily mit ihrem Mann nach Trenton in New Jersey, während ihr Sohn sich, wie schon sein Vater, am RPI zum Ingenieur ausbilden lässt. Emily wird zu einer begeisterten, nicht immer besonders vorsichtigen Fahrradfahrerin und lässt ein Buntglasfenster mit der Brooklyn Bridge in die Empfangshalle einbauen. Sie reist viel, wird in London von Queen Victoria empfangen und sieht sich in Russland die Krönung von Zar Nikolaus II. an.

A Wife’s Disabilities

Außerdem wird sie in Frauenfragen aktiv und schreibt 1899 ihre Abschlussarbeit für einen Jura-Studiengang der New York University (speziell für Frauen) über das Thema Gleichberechtigung der Geschlechter („A Wife’s Disabilities“). Emily Warren Roebling stirbt 1903. Washington, der sein Leben lang mit den Folgen der Taucherkrankheit zu kämpfen hat, überlebt seine geliebte Frau um gute zwanzig Jahre. In seinen privaten Aufzeichnungen findet sich aus der Zeit ihres Todes ein Gedicht (von Mark Twain), das mit der Zeile „Good night, dear heart, good night, good night“ endet. Auf einer Plakette an der Brücke hingegen steht für alle Augen sichtbar: „Back of every great work we can find the self-sacrificing devotion of a woman.“

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Einige der wichtigsten Quellen für meine Recherchen:

David McCullough: The Great Bridge. The Epic Story of the Building of the Brooklyn Bridge
Donald Sayenga: Washington Roebling’s Father: A Memoir of John A. Roebling
Erica Wagner: Chief Engineer: The Man Who Built the Brooklyn Bridge
Marilyn E. Weigold: Silent Builder. Emily Warren Roebling and the Brooklyn Bridge

Fotos in diesem Beitrag: G. Hucke