14. Juli 2020

Schellen-Ursli

Heidi aus der Schweiz kennt wohl jede/r, nicht zuletzt wegen der japanischen Zeichentrickserie, die ich persönlich mir alle paar Jahre wieder anschaue. Manchmal überspringe ich allerdings die Folgen, die in Frankfurt spielen, weil Heidi da so furchtbar traurig ist.

Aber: Wen ich bis zu einem Besuch in Graubünden nicht kannte, das ist das Schellen-Ursli. Ein Laden in Savognin verkaufte Teller und Tassen, Bilder und Postkarten, und da musste ich ganz neugierig einmal nachfragen.

Ursli oder Uorsin, wie er im Rätoromanischen ursprünglich heißt, ist eine Figur aus einem in Reimform geschriebenen Kinderbuch.

Hoch oben in den Bergen, weit von hier, da wohnt ein Büblein so wie ihr, so beginnt es und spielt im Engadiner Dorf Guarda.

Schellen-Ursli will beim Chalandamarz mitmachen. Das ist im Engadin ein Tag um den 1. März herum, der als Frühlingsanfang gefeiert wird (oder als Jahresanfang wie bei den alten Römern). Dabei ist es Brauch, dass die Kinder mit Kuh- oder Ziegenglocken durch das Dorf ziehen. Wenn ich mich recht erinnere, schreibt auch Angelika Overath davon in ihrem wunderbaren Buch Alle Farben des Schnees.

Ursli nun hat nur eine ganz kleine Glocke, und die anderen Kinder lachen über ihn. So entscheidet er sich, durch den noch tiefen Schnee hinauf zum Maiensäß zu steigen, weil er weiß, dass dort eine ganz große Kuhglocke hängt. Die Eltern wissen nichts davon, machen sich furchtbare Sorgen und suchen nach ihm, bis er am nächsten Tag stolz mit der Riesenglocke wieder auftaucht und nun den Umzug sogar anführen darf.

Geschrieben hat das Kinderbuch Selina Chönz (1910–2000). Sie war nicht nur Autorin, sondern auch ausgebildete Montessori-Kindergärtnerin. Die Zeichnungen zum Schellen-Ursli sind von Alois Carigiet (1902–1985).